Hvar und die adriatische Odyssee
Die adriatische Odyssee
Der salzige Wind fuhr durch mein Haar, als wir den kleinen Hafen von Hvar hinter uns ließen. Die Morgensonne glitzerte auf dem türkisblauen Wasser der Adria und tauchte die Kulisse der mittelalterlichen Stadt in goldenes Licht. Die weiße Festung thronte majestätisch über den terrakottafarbenen Dächern und schien uns zum Abschied zu winken.
"Pass auf diese Felsspitze auf!" rief Marco lachend, als ich das kleine Motorboot mit etwas zu viel Enthusiasmus um eine Landzunge steuerte. Ich hatte das Boot erst vor einer Stunde gemietet – ein charmantes, wenn auch etwas abgenutztes Modell mit einem überraschend kräftigen Motor – und war noch dabei, mich mit seinen Eigenheiten vertraut zu machen.
Sofia, Marcos Frau, saß auf der Bugspitze und ließ ihre Beine über dem Wasser baumeln. Sie wandte sich zu uns um, ihre dunklen Locken tanzten im Wind. "Denk daran, wir haben nur vier Stunden! Ich will unbedingt noch zur Blauen Grotte!"
Unser Urlaub in Kroatien hatte vor drei Tagen begonnen, und bisher hatten wir hauptsächlich die verwinkelten Gassen Hvars erkundet, lokale Spezialitäten gekostet und uns an den Stadtstränden gesonnt. Heute war unser Tag des Abenteuers – mit einem gemieteten Boot die versteckten Buchten und Inseln zu erkunden, die das dalmatinische Küstenparadies zu bieten hatte.
Lukas, der Vierte in unserer Gruppe und mein ältester Freund, öffnete eine Flasche lokalen Weißwein. "Auf uns! Auf Kroatien! Und darauf, dass Thomas nicht mit diesem Boot auf Grund läuft!" Seine blauen Augen funkelten schelmisch, als er die Plastikbecher füllte und herumreichte.
"Sehr witzig", murmelte ich, konnte aber ein Lächeln nicht unterdrücken. Der Bootsvermieter hatte mir eine rudimentäre Karte in die Hand gedrückt und auf Englisch mit schwerem kroatischen Akzent erklärt: "Nicht zu weit raus. Bleib in Sichtweite der Küste. Vorsicht bei den Pakleni-Inseln – viele Felsen unter Wasser."
Die Pakleni-Inseln waren genau das Ziel, das wir ansteuerten. Eine Kette kleiner, bewaldeter Inseln, die sich wie smaragdgrüne Juwelen vor der Küste Hvars erstreckten. Zwischen ihnen sollten sich versteckte Lagunen und einsame Buchten befinden – perfekt für einen Tag fernab der Touristenmassen.
"Siehst du die Einfahrt dort zwischen den beiden Inseln?" Sofia deutete auf eine schmale Passage voraus. "Das muss Palmižana sein. Der Typ im Restaurant hat gesagt, dort gibt es eine tolle Bucht zum Schwimmen."
Ich lenkte das Boot vorsichtig durch die Passage. Das Wasser wurde ruhiger, geschützt von den umliegenden Inseln. Die Bucht öffnete sich vor uns wie ein natürliches Amphitheater. Auf einer Seite erstreckte sich ein kleiner Kiesstrand, auf der anderen ragten zerklüftete Felsen direkt aus dem klaren Wasser.
"Perfekt!" rief Lukas und begann bereits, sein T-Shirt auszuziehen. "Hier bleiben wir."
Ich ließ den Motor im Leerlauf laufen und steuerte näher an die felsige Seite der Bucht. Marco griff nach dem kleinen Anker und warf ihn über Bord. Mit einem befriedigenden Platschen versank er im Wasser.
"Wer zuletzt im Wasser ist, zahlt das Abendessen!" Sofia hatte bereits ihren Sonnenhut abgenommen und sprang mit einem eleganten Kopfsprung über Bord. Das kristallklare Wasser schloss sich über ihr und für einen Moment konnte ich ihren schlanken Körper unter der Oberfläche gleiten sehen, wie eine Meerjungfrau in ihrem natürlichen Element.
Marco und Lukas folgten ihr mit deutlich weniger Eleganz aber umso mehr Begeisterung. Ich nahm mir Zeit, die Wertsachen in wasserdichte Beutel zu packen und den kleinen Kühlschrank mit unseren Getränken und Snacks zu überprüfen, bevor ich mich meinen Freunden anschloss.
Das Wasser war überraschend warm und so klar, dass ich den sandigen Grund mehrere Meter unter mir sehen konnte. Kleine silbrige Fische huschten zwischen uns hindurch, neugierig und doch scheu.
"Das ist das Paradies!" rief Marco, auf dem Rücken treibend. "Warum sind wir nicht früher hierher gekommen?"
Die nächsten Stunden verbrachten wir damit, zu schwimmen, zu tauchen, die Unterwasserwelt zu erkunden und uns auf den warmen Felsen zu sonnen. Sofia hatte ihre Unterwasserkamera dabei und dokumentierte unsere Albernheiten für die Nachwelt.
Als der Hunger uns zurück zum Boot trieb, breitete Lukas unsere mitgebrachten Köstlichkeiten aus – lokalen Käse, Pršut (kroatischen Schinken), frisches Brot, Oliven und natürlich mehr von dem köstlichen Wein.
"Auf welcher Insel sind wir eigentlich genau?" fragte ich kauend und versuchte, unsere Position auf der rudimentären Karte zu bestimmen.
"Sveti Klement, glaube ich," antwortete Marco, der sich ein wenig mit der Geographie beschäftigt hatte. "Die größte der Pakleni-Inseln."
"'Pakleni' heißt übrigens 'höllisch' auf Kroatisch," warf Sofia ein, "aber eigentlich kommt der Name von 'paklina', dem Kiefernharz, das früher zur Schiffsabdichtung verwendet wurde."
"Eine höllisch gute Zeit haben wir auf jeden Fall," lachte Lukas und streckte sich zufrieden aus.
Nach unserem improvisierten Picknick beschlossen wir, noch tiefer in das Labyrinth der Inseln vorzudringen. Ich startete den Motor wieder, und wir glitten langsam aus unserer paradiesischen Bucht hinaus.
Die Sonne stand bereits tiefer am Himmel, und das Licht hatte diesen goldenen Nachmittagscharakter angenommen, der Fotografen in Verzückung versetzt. Die Schatten der Inseln wurden länger, und das Meer schimmerte wie flüssiges Metall.
Wir umrundeten eine weitere kleine Insel und entdeckten eine schmale Einfahrt zwischen zwei hohen Felswänden. "Da müssen wir durch!" rief Sofia aufgeregt.
Ich zögerte. "Bist du sicher? Sieht eng aus."
"Vertrau mir," sagte sie mit einem Augenzwinkern. "Ich habe ein Gefühl dafür."
Vorsichtig navigierte ich das Boot durch die Passage. Die Felswände ragten zu beiden Seiten auf, und für einen Moment wurde es so eng, dass ich befürchtete, wir könnten stecken bleiben. Dann öffnete sich vor uns eine kleine, vollkommen geschützte Lagune.
Das Wasser hier hatte eine noch intensivere Farbe – ein tiefes, leuchtendes Türkis, das fast unwirklich erschien. Am Ufer erhob sich ein kleiner Kiesstrand, umgeben von Pinien, deren Duft bis zu uns aufs Wasser trieb.
"Das ist ja unglaublich!" Marco pfiff anerkennend durch die Zähne. "Das muss ein gut gehütetes Geheimnis sein."
Und tatsächlich: Wir waren völlig allein. Keine anderen Boote, keine Menschen. Nur wir und diese unberührte Schönheit.
Sofia konnte ihre Begeisterung kaum zügeln. "Schnorchel! Wir brauchen die Schnorchel! Hier muss es fantastische Fische geben!"
Wir ankerten nahe am Ufer und stürzten uns erneut ins Wasser. Die Unterwasserwelt hier war tatsächlich noch beeindruckender – zwischen Seegraswiesen und kleinen Felsformationen tummelten sich bunte Fische in allen Größen. Ein Schwarm silbriger Sardinen umkreiste mich, bevor er blitzschnell die Richtung wechselte und davonschoss.
Die Zeit verflog, und erst als die Sonne gefährlich nahe am Horizont stand, erinnerte uns Lukas daran, dass wir das Boot in einer Stunde zurückbringen mussten.
"Aber die Blaue Grotte!" protestierte Sofia. "Die wollten wir doch unbedingt sehen!"
Marco schaute auf die Karte. "Ich fürchte, die ist zu weit weg. Wir schaffen das nicht mehr in der verbleibenden Zeit."
Sofias Enttäuschung war offensichtlich, aber dann hellte sich ihr Gesicht auf. "Dann kommen wir eben wieder. Dieses Paradies verdient mehr als ein paar Stunden."
Die Rückfahrt wurde zu einem Wettlauf gegen die sinkende Sonne. Ich lenkte das Boot mit sicherer Hand zwischen den Inseln hindurch, während die letzten Sonnenstrahlen das Meer in flüssiges Gold verwandelten. Der Wind hatte aufgefrischt, und kleine Wellen ließen unser Boot hüpfen – ein letzter Adrenalinkick zum Abschluss unseres Abenteuers.
Hvars Silhouette tauchte vor uns auf, die Festungsanlage nun dramatisch von der untergehenden Sonne angeleuchtet. Die ersten Lichter der Stadt begannen zu funkeln, und vom Hafen her klang gedämpfte Musik zu uns herüber.
"Das war der perfekte Tag," sagte Lukas leise neben mir. "Manchmal sind es diese kleinen Abenteuer, die am längsten in Erinnerung bleiben."
Als wir im Hafen anlegten – pünktlich, wenn auch nur knapp – und vom Bootsvermieter mit einem wissenden Lächeln empfangen wurden, wusste ich, dass er recht hatte. Dieser Tag würde uns als brillantes Juwel in der Schatzkiste unserer Erinnerungen erhalten bleiben.
Später am Abend, als wir in einer kleinen Konoba am Hafen saßen, müde aber glücklich, unsere Haut salzig und sonnengeküsst, hob Marco sein Glas. "Auf Hvar, auf das adriatische Meer und auf Freundschaften, die durch gemeinsame Abenteuer nur stärker werden."
Wir stießen an, das Klirren unserer Gläser vermischte sich mit dem sanften Plätschern der Wellen gegen die Kaimauer. Morgen würden wir vielleicht einen anderen Teil dieser magischen Insel erkunden, oder einfach faul am Strand liegen. Aber eines war sicher: Die Erinnerung an unseren Tag auf dem Meer würde uns für lange Zeit begleiten – ein perfekter Tag in Kroatien, eingefangen in einem kleinen Boot zwischen Himmel und Meer.
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Ein kleines Boot mieten kostet nicht die Welt. Foto von Vincent Rivaud |
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